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Vom Wiederaufbau zum Wirtschaftswunder? Industrie- und Strukturpolitik in Bayern 1949-1973


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Dr. Stefan Grüner

Zusammenfassung

Als Teil des Projektes Gesellschaft und Politik in Bayern 1949 bis 1973 am Institut für Zeitgeschichte München wurde die Studie u.a. durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert. Derzeit nimmt der Bearbeiter als Feodor-Lynen-Forschungsstipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung eine Gastdozentur an der University of Toronto (Canada) wahr.

Der sozialökonomische Strukturwandel in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg bildet ein ebenso vielbeschworenes wie bislang in seinen Ursachen, Mechanismen und Folgen noch kaum hinreichend erforschtes Phänomen der deutschen Zeitgeschichte. Vom gewerblich durchsetzten Agrarstaat wandelte sich Bayern in knapp vier Jahrzehnten zu einer führenden Industrie- und Dienstleistungsregion, die bis in die Gegenwart die höchsten Zuwachsraten im Bund zu verzeichnen hatte. Zudem gelang es hier allem Anschein nach, die schon "klassische" Dichotomie der sozialen Marktwirtschaft von Wirtschaftswachstum und sozialem Ausgleich in ein besonders stabiles Gleichgewicht zu bringen. Staatliche und vorstaatliche Gremien haben in Bayern wie in kaum einem anderen Bundesland versucht, diese Entwicklung zu lenken. So zielten Politiker und Verwaltungsstellen bereits seit der zweiten Hälfte der vierziger Jahre darauf ab, jene strukturellen Defizite auszugleichen, die bis dahin die Hauptfaktoren für die "geminderte" industrielle und gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Landes seit dem 19. Jahrhundert gebildet hatten: die Rohstoffarmut Bayerns, seine Abhängigkeit von externen Energieträgern und die langen Transportwege zwischen Produzenten und Absatzmärken, nach 1945 auch die verschärfte Randlage in einem zunehmend geteilten Europa. Eine forcierte Industrialisierungs- und Infrastrukturpolitik sowie die frühzeitige Entscheidung, nicht auf Kohle, sondern auf Erdöl und später auf Kernkraft zu setzen, machten seit den 1950er Jahren zusammen mit finanz-, bildungs- und wissenschaftspolitischen Initiativen zentrale Elemente dieser politischen Anstrengungen aus.

Die als Habilitationsschrift angelegte Studie wird den politisch-institutionellen Rahmen dieser Wandlungsvorgänge untersuchen. In Zusammenarbeit mit dem Projekt "Gesellschaft und Politik in Bayern 1949 bis 1973" des Instituts für Zeitgeschichte (München) wird sie sich auf die Jahrzehnte zwischen dem Neubeginn deutscher Staatlichkeit nach 1945 und der Rezessionskrise von 1973/74 konzentrieren. Sie stellt sich dabei der Einsicht, daß industrie- und strukturpolitische Eingriffe geeignet sind, längerfristige Wachstumsprozesse von Volkswirtschaften zu beeinflussen, betrachtet diese Form der wirtschaftspolitischen Praxis jedoch weder als singulären noch als stets zielführend wirksamen Faktor des Wandels. Unter dieser Prämisse richtet sich das Erkenntnisinteresse der Arbeit auf die Rolle von Parteien und Landtag, Regierung und Verwaltung, Gewerkschaften und Interessenvertretungen der Wirtschaft bei ihrem Versuch, den ökonomischen Strukturwandel in jeweils spezifischer Weise zu gestalten. Dabei werden die vorherrschenden ordnungs-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Leitbilder ebenso Gegenstand der Analyse sein wie die mittelfristig handlungsleitenden Konzepte, die Umsetzungsspielräume oder die favorisierten Instrumente. Auf diese Weise soll ein vielgestaltiger Prozeß der kollektiven Krisenbewältigung und des gesellschaftlichen Interessenausgleichs in seinen Voraussetzungen und Resultaten greifbar gemacht werden. Dazu wird sich die Darstellung neben den institutionalisierten Formen des Konfliktaustrags im Parlament, in der veröffentlichten Meinung oder in den internen Kommunikationskanälen der Verwaltung auch einigen Scharnierstellen zwischen Politik und Wirtschaft widmen, die nicht oder kaum institutionell vorgeprägt waren. Zugleich wird stets die Ebene der föderalistischen Verflechtung von Bund und Ländern zu berücksichtigen sein.

Es macht ein zentrales Anliegen der Arbeit aus, der Charakteristik des bayerischen Wegs ins bundesdeutsche "Wirtschaftswunder" jenseits tagespolitischer Polemik oder retrospektiver Konstruktionen nachzuspüren. Speziell die Frage nach gemeinsamen Entwicklungspfaden oder bayerischem "Sonderweg" ist hierbei empirisch fundiert zu beleuchten. Es soll also nicht darum gehen, etwa einen bayerischen Modellfall zu feiern, zumal der Aufholvorgang hier in mancher Hinsicht durchaus mit den Wandlungsvorgängen in anderen schwächer industrialisierten Bundesländern vergleichbar ist. Vielmehr ist immer mit Blick auf die bundesdeutsche Entwicklung zu klären: Lag der Prozeß gleichsam in der Natur größerer säkularer Abläufe und der konjunkturellen Gegebenheiten oder mußte er erst angestoßen werden? Wie gelang es, die Wasser der westeuropäisch-bundesdeutschen Nachkriegsprosperität auf die bayerischen Mühlen zu lenken? Wie groß war das Gewicht von Staatsregierung und Ministerien im Restrukturierungsprozeß tatsächlich und welche Rolle spielten Wirtschaft, politische Gruppen und Verbände? In welcher Weise manifestierte sich das erhebliche Gewicht der Bonner Wirtschafts- und Finanzpolitik oder die Fernwirkung der entstehenden europäischen Institutionen? Das Augenmerk gilt aber auch der Kehrseite des angestrebten Strukturwandels. Akzeptiert man nämlich die Einsicht, daß wirtschaftlicher Aufschwung durchaus destabilisierende Kräfte entfalten kann, wenn dadurch soziale Ungleichheit verschärft wird, dann wird man nach entsprechenden Gegenstrategien im bayerischen Fall fragen müssen. Nahmen also die staatlichen und außerstaatlichen Entscheidungsträger Notiz von jenen Gruppen, die der große Wandel benachteiligte, etwa von den vormals landwirtschaftlich Beschäftigten? Und wie gelang es, soziales Konfliktpotential zu entschärfen?

Es liegt in der Eigenart des Themas begründet, daß eine angemessene Bearbeitung nicht ohne die Kombination theoretisch-quantitativ orientierter Erkenntnismethoden mit qualitativ-individualisierenden Verfahren möglich ist. Die relative Autonomie makroökonomischer Trends hat in einer Analyse politischer Steuerungsbemühungen und –chancen notwendig ihren Platz. Das gilt auch für diese Untersuchung, die sich bewußt an Schnittstellen von Ansätzen der Politik-, Wirtschafts-, Planungs- und Regionalgeschichte, von Wirtschaftsgeographie und Raumforschung begibt. Zugleich aber demonstriert der historische Befund eindringlich immer wieder die Individualität, die Kontingenz und die prinzipielle Offenheit des hier untersuchten Prozesses – ein Spannungsverhältnis, das die Studie im Sinne differenzierter Deutungen fruchtbar machen möchte.

Einschlägige Veröffentlichungen:

  • Stefan Grüner, Staatliche Planung und sozialer Wandel in den sechziger Jahren – Überlegungen zu einem Forschungsprojekt zur Geschichte Bayerns nach 1945, in: Theresia Bauer/Winfried Süß (Hg.), NS-Diktatur, DDR, Bundesrepublik. Drei Zeitgeschichten des vereinigten Deutschland. Werkstattberichte, Neuried 2000, S. 263-286.
  • Stefan Grüner, Ökonomischer Strukturwandel und Industriepolitik in der Region: Bayerisch-Schwaben zwischen Rüstungsboom und Wiederaufbau (1933-1950), in: Paul Hoser/Reinhard Baumann (Hg.), Kriegsende und Neubeginn. Die Besatzungszeit im schwäbisch-alemannischen Raum (Forum Suevicum. Beiträge zur Geschichte Ostschwabens und der benachbarten Regionen, Band 5), Konstanz 2003, S. 419-461.
  • Thomas Schlemmer/Stefan Grüner/Jaromir Balcar, "Entwicklungshilfe im eigenen Lande". Landesplanung in Bayern nach 1945, in: Matthias Frese/Julia Paulus/Karl Teppe (Hg.), Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik, Paderborn u.a. 2003, S. 379-450.

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