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„Gelehrter und Diplomat: Moritz Julius Bonn und die internationalen Finanz- und Wirtschaftswissenschaften der Zwischenkriegszeit“


Projektstart: 01.07.2010
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: Prof. Dr. Stefan Grüner, Lehrstuhlvertreter

Zusammenfassung

Als einer der profiliertesten Staatswissenschaftler und National-ökonomen der Weimarer Republik darf Moritz Julius Bonn (1873-1965) das Interesse der historischen Wissenschaft in besonderem Maße für sich beanspruchen. Bis heute fand sein Wirken als Gelehrter, als Finanz- und Wirtschaftsfachmann sowie als Berater mehrerer Reichsregierungen in Währungs- und Reparationsfragen hingegen keine adäquate, auf der Basis der verfügbaren Quellen erarbeitete historiographische Würdigung.
Diese erstaunliche Leerstelle der Forschung mag mit der Tatsache in Verbindung stehen, dass Bonn als Wissenschaftler jüdischer Herkunft bereits 1933 Deutschland verlassen musste, um zunächst den Weg ins englische, dann ins amerikanische Exil anzutreten. Dabei kamen dem zeitweiligen Direktor der Handelshochschule München (1917-1920) und Rektor der Handelshochschule Berlin (1930-1933) seine vorzüglichen Kontakte in die britische Fachwissenschaft und Politik zugute, die es ihm ermöglichten, zwischen 1933 und 1938 an der London School of Economics zu lehren. Nach 1945 geriet der Gelehrte in Deutschland indes weitgehend in Vergessenheit, zumal er sich mit der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten 1946 dafür entschied, seinen Lebensmittelpunkt dauerhaft nach London zu verlegen.
Noch heute stehen daher einem weitgespannten wissenschaftlichen Werk Bonns, das bislang noch nicht einmal in seinen monographischen Teilen vollständig erschlossen ist, nur Ansätze einer historiographischen Deutung von Leben und Werk gegenüber. Die bundesdeutsche „Intellektuellengeschichte“ hat sich des Ökonomen noch ebensowenig angenommen wie die volkswirtschaftliche Fachgeschichtsschreibung. Auch im Zusammenhang der Tätigkeit deutscher Währungsexperten auf internationalem diplomatischen Parkett, in die Bonn als Mitglied der deutschen Delegation im Umfeld der Pariser Friedensverhandlungen 1919 sowie während der Reparationskonferenzen von Spa, London und Den Haag maßgeblich involviert war, geriet der Reparationsfachmann und „Erfüllungspolitiker“ bislang nicht in den Blick der Historiker.
Mein Forschungsvorhaben „Gelehrter und Diplomat. Moritz Julius Bonn und die internationalen Finanz- und Wirtschaftswissenschaften der Zwischenkriegszeit“ platziert sich damit am Schnittpunkt mehrerer Forschungsdesiderate. So dürfte die geplante monographische Untersuchung nicht nur dazu beitragen, neues Licht auf die Geschichte jüdischer gelehrter Wissenskulturen im Europa des 20. Jahrhunderts oder des deutschen politischen Exils im anglo-amerikanischen Raum nach 1933 zu werfen. Insbesondere auch die Genese und Praxis des intellektuellen Vernunftrepublikanismus während der Weimarer Republik werden im Mittelpunkt meiner Studie stehen und dabei am Beispiel Bonns eine weitere differenzierende Analyse erfahren. Wie die Elite der deutschen Volkswirtschaftslehre ihren politischen Weg aus dem „langen“ 19. ins 20. Jahrhundert nahm, auf welche Weise sie die damit verbundenen Systembrüche bewältigte und welche Rolle internationale Einflüsse spielten, ist bislang vornehmlich anhand der Biographien von Max Weber und Werner Sombart untersucht worden. Ob und auf welche Weise die Mehrzahl der wichtigsten deutschen Wirtschaftsexperten nach 1918/19 ihren Frieden mit der jungen Republik machte, ist demgegenüber so gut wie ungeklärt. Die Biographie Bonns dürfte hierzu ebenso interessante Aufschlüsse bieten wie für die Frage nach dem Einfluss, den Exilwissenschaftler seines Formats auf die Entwicklung der europäischen Volkswirtschaftslehre in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen.

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