laufende Forschungsprojekte:
Im Mittelpunkt des langfristig angelegten Forschungsprojekts steht die Frage, wie Herrschaftsträger und Verwaltungen im 18. Jahrhundert auf das wachsende naturwissenschaftlich-technische Wissen der Zeit reagierten. Auf breiter Quellengrundlage wird am Beispiel ausgewählter Territorien untersucht,
Die publizistische Gattung der Intelligenzblätter ist von der jüngeren Forschung vor allem als Medium einer weitgehend staatsfern konzeptualisierten, affirmativ verstandenen praktischen Aufklärung untersucht und in ihrer Bedeutung gewürdigt worden. Das wissensgeschichtliche Potential dieser Quellengattung im Hinblick auf die "savoirs d'État" ist hingegen noch kaum in den Blick genommen worden. Hier soll das geplante Vorhaben neue Perspektiven eröffnen. Tatsächlich stellen Intelligenzblätter angesichts ihrer hohen Anzahl, ihrer Langlebigkeit und territorialstaatlichen Verankerung eine erstrangige Quelle für die Erforschung der Zirkulation staatsbezogenen Wissens im 18. und frühen 19. Jahrhundert dar. Insbesondere Intelligenzblätter mit redaktionellen Teilen, die sich in einzelnen Artikeln dezidiert und vergleichsweise regelmäßig Fragen der praktischen Aufklärung widmeten, bieten sich demnach für eine serielle Erschließung der Gattung unter der Fragestellung der Zirkulation staatsbezogenen Wissens an. Die Datenbank verspricht Aufschlüsse zur Bearbeitung bzw. Konjunktur bestimmter Themen, zur zeitlichen und regionalen Entwicklung der Rezeption bestimmter Wissensbestände und zur Reflexion praktischer Anwendungen reformorientierter Empfehlungen.
Das Projekt stellt aus einer vorwiegend kommunikations- und wissensgeschichtlichen Perspektive die Frage nach der Zusammenarbeit wittelsbachischer landesherrlicher Obrigkeiten (Kurpfalz, Pfalz-Bayern) mit aufgeklärten Sozietäten bei der Umsetzung von Reformvorhaben der praktischen ökonomischen Aufklärung. Um landesweite Verordnungen und Regularien, etwa zur Reformierung von Praktiken des Feldbaus, zur Einführung neuer Nutzpflanzen etc. entwerfen und umsetzen zu können, waren landesherrliche Verwaltungsapparate auf einen funktionierenden Informations- bzw. Wissenstransfer im jeweiligen Territorium und auch in hohem Maße auf Expertise von außerhalb des Regierungsapparates angewiesen. Zu entscheiden war nicht nur über die Art und Weise der Informationsbeschaffung, sondern auch über Kriterien zur Evaluation verschiedener Reformkonzepte und schließlich über die Inhalte einer ‚amtlichen‘ Wissensbasis für die Anordnung konkreter Maßnahmen und herrscherlicher Erlasse. Anhand verschiedener Fallbeispiele, so z.B. der Förderung des Tabakanbaus in der Kurpfalz ab Mitte der 1770er Jahre, werden Möglichkeiten und Grenzen des Austauschs und der Einflußnahme im Kontakt zwischen Administration und Sozietäten, auch über deren personelle Verflechtungen, untersucht.
In den 1760er Jahren tritt die europäische République des lettres in Folge ihrer geographischen und personellen Erweiterung sowie der als Krise wahrgenommenen Beschleunigung der Wissensproduktion in eine Umbruchphase ein. Am Ende dieses komplexen Transformationsprozesses, der bis weit ins 19. Jahrhundert andauert, ist nicht nur das universell-polyhistorische Wissensmodell durch das nach Fachdisziplinen unterteilte Wissenschaftssystem endgültig abgelöst. Auch der ehemals einheitliche Kommunikationsraum ist in sprachlich und institutionell voneinander abgesonderte Bereiche zergliedert.
Dieser Vorgang wird durch folgende drei deutsch-französische Wissenschaftskontroversen, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken, exemplarisch zum Ausdruck gebracht und erheblich beschleunigt: 1. die Kontroverse um den animalischen Magnetismus (Mesmerismus), 2. der Streit über die Freiheit des Getreidehandels und 3. die Debatte über die „philosophische“ Geschichtsschreibung. Der transnationale Charakter dieser drei Kontroversen, die als solche in der Forschung noch nicht untersucht worden sind, zeugt einerseits von der ungebrochenen Wirksamkeit der Kommunikationsstrukturen der République des lettres. Andererseits bereiten gerade der Verlauf und die Ergebnisse dieser Konflikte den Boden für die Formierung nationaler Wissens- und Streitkulturen.
Die zentrale Bedeutung der Kontroversen in diesem Ausdifferenzierungsprozess soll auf zweifache Weise analysiert werden. Dissensuale Kommunikationskonstellationen zwingen die streitenden Parteien, epistemologische Grundlagen ihrer eigenen Positionen zu artikulieren und damit konkurrierende Entwürfe der entstehenden wissenschaftlichen Disziplinen (Medizin/Biologie, politische Ökonomie, Geschichtswissenschaft) aufzustellen. Aus vergleichender deutsch-französischer Perspektive werden dabei produktive Aneignungs- und Abgrenzungsprozesse sichtbar, die im Endeffekt zur Herausbildung distinkter Wissenskulturen führen.
Darüber hinaus soll auch die sozial-normative Dimension der Kontroversen eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Denn im Rahmen der intellektuellen Auseinandersetzungen werden nicht nur genuin epistemische Divergenzen verhandelt, sondern auch individuelle und kollektive Identitäten der Beteiligten konstruiert, organisatorische Rahmenbedingungen aktualisiert bzw. modifiziert, mediale Strategien erprobt sowie legitime Formen des Debattierens formuliert und durchgesetzt. Dementsprechend wird vor dem Hintergrund der traditionellen Normen des intellektuellen Austausches in der Gelehrtenrepublik der Wandel von medialen Praktiken, Institutionen und sprachlichen Codes agonaler Wissenschaftskommunikation untersucht.
Lutherische Konfessionalisierung in oberschwäbischen Reichsstädten (Stephanie Armer M.A.)
Konfessionalisierung gilt als Fundamentalvorgang der Frühen Neuzeit, der einen tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Wandel ermöglichte und somit zum Wegbereiter der Moderne wurde. Ausgehend von der Feststellung, dass das Forschungskonzept Konfessionalisierung am Fallbeispiel frühneuzeitlicher Territorien erarbeitet wurde und meist auf diese angewendet wird, ist es das Ziel des Forschungsprojektes, nach der Anwendbarkeit des Konzeptes auf die unter dieser Perspektive bisher kaum untersuchten Reichsstädte zu fragen. Der Vorstellung einer gezielten Planbarkeit gesellschaftlicher und politischer Veränderungen durch Konfessionalisierung standen in den Reichsstädten Grundwerte wie Einigkeit, Frieden und genossenschaftliche Organisation gegenüber, die die Handlungsspielräume der Stadträte determinierten. V.a. die dichte Überlieferung des Ulmer Stadtarchivs legt die These nahe, von einem Aushandlungsprozess zwischen Bürgerschaft, Predigern und Rat auszugehen, die in wechselnden Koalitionen über die konfessionellen und gesellschaftlichen Normen der Reichsstadt verhandelten. Es ist daher zu untersuchen, ob eine funktionalistische Interpretation von Religion als soziales und politisches Integrationsmoment und damit maßgebliches Strukturelement im Werdeprozess frühmoderner Staatlichkeit in den stärker republikanisch geprägten oberschwäbischen Reichsstädten überhaupt zulässig ist.
Seit dem Lothringer Herrschaftswechsel von 1737 stand fest, dass Lothringen nach dem Tod des aktuellen Herzogs, Stanislas Leszczynski, eine Provinz des Königreichs Frankreich werden sollte. Erste Schritte zur Anpassung an die französische Verwaltungsstruktur und der wachsende Einfluss der französischen Zentralverwaltung bedrohten die Rechte und das Ansehen der bis dahin einflussreichsten Zwischengewalten des Herzogtums Lothringen, des obersten Gerichtshofs und der Rechnungskammern. Umstritten waren insbesondere die Unabsetzbarkeit ihrer Amtsträger, ihr Privileg der Verteilung von Steuerlasten und ihr politisches Mitspracherecht in Form von Remonstranzen. In den späten 1750er Jahren protestierten die Lothringer Zwischengewalten in zuvor ungekannter Hartnäckigkeit gegen die befürchteten Veränderungen mit einer drastisch steigenden Zahl an Streitschriften und zunehmenden Appellen an die Öffentlichkeit. Ähnlich wie die Zwischengewalten in Frankreich stellten sie sich dabei als Sachwalter der Bevölkerung dar. Sie untermauerten diesen Anspruch, indem sie Umfragen durchführten und Statistiken anlegten, die der empirischen Absicherung ihrer Aussagen dienten. Unter welchen sozialen und diskursiven Bedingungen diese Strategien entwickelt und angewandt wurden, ist die übergeordnete Frage des Dissertationsprojekts. Untersucht wird, ob ein lothringisch-französischer Kulturtransfer zur Zeit Stanislas Leszczynskis die Transformation des Selbstverständnisses und der Behauptungsstrategien der Zwischengewalten beförderte und welche Wissenstransfers innerhalb Lothringens nötig waren, um die Argumentationen des obersten Gerichtshofs und der Rechnungskammern zu stützen.
abgeschlossene Forschungsprojekte:
Ehren-Namen. Herrschertitulaturen im völkerrechtlichen Vertrag, 1648-1748 (PD Dr. Regina Dauser)
‚Plazierungskonflikte’ der europäischen Mächte bilden einen wesentlichen Hintergrund für die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts – der Postulierung eines Nebeneinanders souveräner, gleichberechtigter Staaten im Westfälischen Frieden zum Trotz. Friedensverträge dienten in diesem Kontext der Justierung und Festschreibung der Positionen der jeweiligen Vertragspartner. Zahlreiche Textbausteine von Verträgen gelten als – vermeintlich – statische Standardformeln. In diesem Zusammenhang der vertraglich festgehaltenen Repräsentation von Machtansprüchen widmet das Projekt der Herrschertitulatur im Vertrag und ihrer ‚Verhandelbarkeit’ besonderes Augenmerk.
Abschluss des Habilitationsverfahrens im Mai 2012.
Ausgehend von einer kommunikationsgeschichtlichen Analyse der "Correspondance littéraire", einer handschriftlichen geheimen Kultur- und Rezensionszeitschrift, die von Friedrich Melchior Grimm unter aktiver Mitarbeit Diderots und anderer philosophes zwischen 1753 und 1773 für ein exklusiv fürstliches Lesepublikum produziert wurde, soll zum einen das Habermas’sche ‚Öffentlichkeitsparadigma‘ als weiterhin dominantes Interpretationsmuster der aufklärerischen Wissenskommunikation kritisch überprüft, und zum anderen das Verhältnis von europäischen Fürstenhäusern und französischen Aufklärern in seiner Bedeutung für die Erneuerung der politischen Kultur im 18. Jahrhundert genauer bestimmt werden. Dabei wird die Konstitution des normativen Rollenmodells „aufgeklärter Monarch“ im Prozess der Kommunikation zwischen Fürsten und philosophes rekonstruiert und damit eine Neuperspektivierung des problematischen Forschungskonzepts „aufgeklärter Absolutismus“ unternommen.
Abschluss der Promotion im Juli 2011.
Tagungsprojekte:
Das Kolloquium untersucht die Zirkulation von Wissen und die Funktionen neuen Wissens in ländlichen Gesellschaften des Jahrhunderts vor der Industrialisierung. Forschungen zu den Stadt-Land-Beziehungen, zur Protoindustrialisierung und zur Ökonomischen Aufklärung haben gezeigt, daß die sozialen und religiösen Praktiken, die Formen des Wirtschaftens und Arbeitens sowie die materiellen Lebensbedingungen in ländlichen Gesellschaften bereits in der Vormoderne oftmals tiefgreifenden Transformationen unterworfen waren. Die wissensgeschichtlichen Voraussetzungen, Begleitumstände und Konsequenzen dieser Transformationsprozesse sind freilich erst in jüngerer Zeit in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt und bis heute noch wenig untersucht. Im Rahmen der Tagung sollen einzelne thematische Wissensfelder (u.a. agrarisches, technologisches, medizinisches Wissen) in den Blick genommen, beispielhaft die Auswirkungen der jeweiligen Agrar- und Herrschaftsverfassung auf die Wissenszirkulation untersucht, aber auch Medien, Akteure und Kontexte des Transfers analysiert werden. Gefragt wird auch nach konkreten Verbesserungen und Fortschritten im Ertrag. In die Untersuchung einbezogen wird der gesamte deutsche Sprachraum mit einem regionalen Schwerpunkt in Schwaben und den angrenzenden Gebieten.
In Kürze wird an dieser Stelle das Tagungsprogramm veröffentlicht.
Die Tagung setzte sich mit spezifischen Problemen der ersten Phase der französischen Religionskriege (1562-1570) auseinander. Sie legte den Schwerpunkt auf die Deutung der betreffenden Ereignisse durch zeitgenössische Akteure (die teilweise deutlich von späteren, im Lichte der Bartholomäusnacht [1572] formulierten Deutungen abweichen) und widmete sich in diesem Zusammenhang vor allem deren medialer Dimension. Gefragt wurde nicht zuletzt, inwieweit die Ereignisse der frühen Religionskriege einen grundlegenden medialen Wandel befördert haben und wie diese „Medienrevolution“ ihrerseits auf die Ereignisse und deren Deutung rückwirkte. Die Beiträge des Kolloquiums sollen 2014 in einem Sammelband publiziert werden.
Tagungsbericht: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4570
"Grenzen und ‚Kontaktzonen’ – Rekonfigurationen von Wissensräumen zwischen Frankreich und den deutschen Ländern 1700-1850" lautete das Thema eines Workshops, den der deutsch-französische Forschungsverbund "Euroscientia – Räume und Zirkulation des staatlichen Wissens in Europa 1750-1850" (http://euroscientia.univ-paris1.fr/) am 15. und 16. September 2011 an der Universität Augsburg veranstaltete, gefördert von der DFG, der französischen ANR (Agence nationale de la recherche) und der Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg e.V.
Bei dem Workshop stellten Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Finnland Forschungsprojekte vor, die den spezifischen Status staatsbezogenen Wissens und seine Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert untersuchten. Zugleich wurden die komplexen Raumbezüge dieses Wissens näher beleuchtet, besonderes Interesse galt den verschiedenen Formen des Wissensaustauschs. Anhand von Fallbeispielen sollte geklärt werden, inwieweit dieses Wissen von Akteuren als in allen Staaten gleichermaßen gültig oder als lediglich auf dem Gebiet eines Staates anwendbar oder gar als strikt ortsbezogen verstanden wurde, des weiteren, wo es gesammelt, diskutiert und publiziert und auf welchen Wegen es formalisiert und ausgetauscht wurde. Dem Wissensaustausch zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und den diesen Austausch ermöglichenden Schnittstellen, etwa aufgeklärten gemeinnützigen Gesellschaften, Akademien und Höfen, aber auch der Bedeutung von "Grenzlandschaften" wie dem Elsaß wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Die Beiträge des Workshops wurden im Mai 2012 auf der Online-Publikationsplattform des Deutschen Historischen Instituts Paris, „perspectivia.net“, unter der Rubrik "discussions" veröffentlicht:
Regina Dauser/ Lothar Schilling (Hrsg.), Grenzen und Kontaktzonen – Rekonfigurationen von Wissensräumen zwischen Frankreich und den deutschen Ländern 1700 – 1850. Erster "Euroscientia" - Workshop, 15./16.09.2011, discussions 7 (2012) http://www.perspectivia.net/news/dhi-paris-euroscientia-discussions-7-2012
Tagungsbericht: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3869
