Der Begriff "Moderne" orientiert sich in unserem Zusammenhang vorrangig an jenen Zäsuren in der Geschichte der Fernkommunikation, die mit den Verkehrs-, Transport- und Kommunikationsrevolutionen des 19. Jahrhunderts verbunden sind und dazu führten, dass ein heute noch immer wachsender Teil der Weltbevölkerung" freiwillig oder gezwungenermaßen" den gesamten Planeten als Erfahrungs-, Kommunikations- und Handlungsraum nutzt. Mit der Indienstnahme der Elektrizität für die Fernkommunikation wurde die Interaktion der Weltregionen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immens ausgeweitet und verdichtet, so dass am Beginn des 20. Jahrhunderts die meisten politischen und wirtschaftlichen Systeme global vernetzt waren.
Die weltweite Fernkommunikation, die im 19. Jahrhundert mit der elektrischen Telegraphie ihren eigentlichen Anfang nahm, ist kaum mit früheren Formen zu vergleichen. Dies erweist sich zum einen darin, dass die Telekommunikation nicht mehr allein der Kommunikation diente, sondern die moderne Kommunikation überhaupt erst hervorgebracht hat. Vor der Semaphoren-Telegraphie, die Claude Chappe dem französischen Nationalkonvent vorschlug, waren nahezu alle bekannten Systeme zur Fernübermittlung von Nachrichten, die nicht per Boten (z.B. Mensch, Brieftaube) überbracht wurden, darauf beschränkt, zuvor vereinbarte Signale weiter zu leiten. Variable und komplexe Nachrichten über weite Distanzen zu kommunizieren, dies wurde erst mit der Fortentwicklung der optischen Telegraphie und dann in entscheidender Weise durch die elektrische Telegraphie ermöglicht.
Im Unterschied zu früheren Formen der Fernkommunikation prägt die moderne Telekommunikation dort, wo sie sich etabliert hat, den Alltag der breiten Bevölkerung in umfassender Weise, d.h. in den elementaren Rahmenbedingungen der Wirtschafts- und Arbeitswelt sowie des öffentlichen und privaten Lebens (vgl. z.B. "Informationsgesellschaft").
Die moderne Welt ist ohne die schnelle und sichere Übermittlung von Nachrichten über große und größte Entfernungen hinweg nicht denkbar. Heute ist kaum ein Arbeitsplatz, ob er nun geschaffen, erhalten oder abgebaut wird, nicht in irgendeiner Weise mit Telekommunikation verbunden. Auch im sozialen Leben gilt, dass Freunde und Bekannte nicht mehr zwingend diejenigen Personen sind, die man jeden Tag sieht, sondern es können durchaus Menschen sein, mit denen man eine Vielzahl von Informationen über große Entfernungen austauscht, obwohl man ihnen vielleicht nie begegnen wird. Die Bindung an den konkreten lebensweltlichen Raum hat sich gelockert; es kommt zur Entterritorialisierung der sozialen Beziehungen" geografische und soziale Nähe fallen auseinander.
Wo jedoch die traditionellen Schranken für Fernkommunikation aufgehoben sind, die allein schon aus technischen Gründen bestanden, und wo die Zugangsmöglichkeiten zu einem Weltnetz der Kommunikation nicht nur Eliten, sondern (prinzipiell) jedermann offen stehen, da wird nicht selten eine "neue Unübersichtlichkeit" zum Problem, und neue, tief greifende soziale Ungleichheiten entstehen aus den vorhandenen Unterschieden in der Verteilung von Zugriffs- bzw. Partizipationsmöglichkeiten.
Wenn Kommunikationskanäle leistungsstärker sind und besser funktionieren als jemals zuvor in der Geschichte und wenn prinzipiell für alle Menschen die Möglichkeit eröffnet wird, ohne nennenswerten Aufwand mit Zeitgenossen und Institutionen überall auf der Welt in Verbindung zu treten, so bedeutet dieses Mehr an Kommunikationsmöglichkeiten noch lange kein Mehr an verlässlicher Information, erfolgreicher Verständigung oder auch "herrschaftsfreier" Kommunikation. Und selbstverständlich folgt aus der weltweiten Verbreitung derselben Bilder und Nachrichten nicht notwendig eine globale Annäherung der Wahrnehmungsweisen, Interessen und Standpunkte oder eine Förderung des multiperspektivischen Denkens. So wie die Globalisierung Regionalisierungstendenzen keineswegs auslöscht, sondern auf vielfältige Weise stärkt und neben Integration auch Desintegration fördern kann, so bilden auch die modernen Möglichkeiten der weltweit vernetzten Fernkommunikation oft genug erst die entscheidende Voraussetzung dafür, dass sich partikulare Interessen, Perspektiven und soziale Identitäten im öffentlichen Raum des Internet prononciert artikulieren, in einer vorher unbekannten Größenordnungen verbreiten und politisch wirksam werden können.
Zuletzt sei darauf verwiesen, dass auch im Zeitalter der modernen Fernkommunikation ältere und zum Teil sehr alte Techniken fortbestehen und sich partiell mit den modernen ergänzen (vgl. "Rieplsches Gesetz").
Der Blick auf langfristige Entwicklungen und weltweite Horizonte hilft, die Größe und Bedeutung historischen Wandels abzuschätzen und Orientierung in der Gegenwart zu gewinnen. Auf dem Feld der Telekommunikation stehen sowohl Technologie als auch Verbreiterung der Nutzungsformen vor weiteren revolutionären Umbrüchen, die auch zukünftig prägenden Einfluss auf die grundlegenden Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen, politischen, öffentlichen, kulturellen, sozialen und privaten Lebens in allen Weltregionen nehmen werden. Dies ist Anlass genug, sich mit der Geschichte der Fernkommunikation als Schlüsselelement der Geschichte menschlicher Gesellschaften zu befassen und in besonderer Weise auch deren Bedeutung für transregionale Zusammenhänge und Interaktionen zu betrachten.