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2.3 Kontinuität und (Funktions-)Wandel: Das Rieplsche Gesetz


Die Geschichte von Telekommunikation und weltweiter Dominanz des "Westens" sind eng miteinander verbunden. Doch kann eine weltgeschichtlich erweiterte Betrachtung der Fern- und Telekommunikation deutlich zeigen, dass es sich dabei keineswegs um eine ausschließlich "westlich" dominierte "Beschleunigungsgeschichte" der Kommunikation handelt, die sich mit Hilfe von Telegraph, Telephon, Funk, Telefax, Internet und E-Mail realisierte" und oft genug fortschrittsteleologisch gedeutet wird. Vielmehr verweist die Vielfalt der historischen Formen, die bis heute parallel laufen und sich oft genug ergänzen, auf eine umfassendere historische Dimension hin.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte der Altphilologe und Journalist Wolfgang Riepl (1864-1938; Beiträge zur Geschichte des Nachrichtenwesens bei den Römern, 1911) darauf aufmerksam, dass auch die ältesten Mittel, Formen und Methoden der Fernkommunikation neben neueren Entwicklungen erhalten bleiben, dabei jedoch häufig ihre Funktion verändern. Das so genannte "Rieplsche Gesetz" der Komplementarität der Medien besagt, dass "kein Instrument der Information und des Gedankenaustauschs, das einmal eingeführt wurde und sich bewährte, von anderen vollkommen ersetzt oder verdrängt wird." (Haas 1990, S. 109).

Auch wenn der Gesetzescharakter der Rieplschen Annahme schon längst als unzutreffend erkannt wurde, diskutiert man noch immer über das Verhältnis von neueren und älteren Medien (vgl. z.B. Verdrängungs- oder Kumulationsthese). Und dabei bestreitet niemand, dass im "Zeitalter der Telekommunikation" auch sehr alte Formen der Fernübermittlung von Nachrichten fortexistieren. Man muss nur an den Postboten denken, der oft genug zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist und nach wie vor eine "tragende" Funktion im System der modernen Fernkommunikation erfüllt. Auch sind weltweit noch immer Nebelhörner und Leuchttürme in Betrieb" trotz Schifffunk und GPS. Schließlich dienen selbst in hoch entwickelten Industrieregionen weiterhin (Kirchen-)Glocken, Fanfaren oder Flaggen (z.B. auf Halbmast) der "Fernkommunikation", auch wenn sie dabei zumeist auf symbolische oder rituelle Zwecke reduziert sind.

Hält man" vor dem Hintergrund von Mobilphon und E-Mail" Tiere und Menschen, die als Boten Nachrichten überbringen, für atavistische Randerscheinungen, übersieht man leicht, dass sie in vielen Weltregionen weiterhin eine große Rolle spielen. Immerhin haben schätzungsweise rund 60 % der heutigen Weltbevölkerung noch niemals telephoniert (weitere Karte). Auch trifft die geläufige Vorstellung keineswegs für alle Weltregionen zu, der Weg des technologischen Fortschritts führe immer vom Festnetz- zum mobilen Telephon. Das Gebiet des südlichen Afrika etwa, wo es vergleichsweise wenige Festnetzanschlüsse gab und gibt, zählt gegenwärtig zu den am schnellsten expandierenden Regionen des Mobilphon-Marktes.

In sehr unwegsamen Weltregionen existieren auch Kurier- und Stafettensysteme fort, so z.B. in der heutigen indischen Himalaja-Region deko. Ferner dienen Brieftauben, die im hochgradig technisierten Ersten Weltkrieg noch in großer Anzahl für die Taubenpost an der Front verwendet wurden, mancherorts noch immer als "Postboten", so z.B. auf der Halbinsel Cotentin in der Normandie. Und auch der Heliograph, den bereits antike Quellen erwähnen, findet mitunter noch Verwendung in modernen Kriegen. Somit zeigt die Welt der Fernkommunikation mehr denn je eine "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen".

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