Infolge der massiven Ausweitung und Vernetzung, Intensivierung und Beschleunigung des Nachrichtenverkehrs (weitere Karte) konnten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ungleich mehr und ungleich aktuellere Nachrichten als je zuvor aus weit entfernten Weltregionen in die "westliche" Welt bzw. in die Gesellschaften gelangen, die an die internationalen Telegraphennetze angeschlossen waren. Das neuartige Erleben von Aktualität führte zusammen mit der Entwicklung wesentlich leistungsfähigerer Druck- und Satzverfahren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Gründungsboom von Tageszeitungen, die nicht von ungefähr häufig den Begriff "Telegraph" im Titel führten, sowie von Börsenzeitungen, Nachrichtenagenturen und Pressekonzernen; der Beruf des Journalisten verbreitete sich über die Kulturen hinweg.
1851 gründete Paul Julius Reuter (1816-1899) " bezeichnenderweise " in London die erste Nachrichtenagentur, mit der er zum bislang erfolgreichsten Agenturgründer der Geschichte werden sollte. Der Verbreitung der Telegraphie folgend, versah er alle wichtigen Plätze der Welt mit eigenen Korrespondenten und Agenturen. Die US-amerikanische AP (Associated Press), im Mai 1848 gegründet, zog 1900 " ebenfalls bezeichnenderweise " nach New York um. Und war die Massenpresse auch zuerst in den USA entstanden, so existierte doch bereits in den 1870er Jahren auch z.B. in Japan, China oder Ägypten ebenfalls ein modernes Zeitungswesen.
In diesem Kontext veränderte sich nicht zuletzt auch die Kriegsberichterstattung in den öffentlichen Medien. So wurde beispielsweise im Zuge des Krimkrieges (1853-1856) im Auftrag der französischen und britischen Regierung ein Telegraphennetz bis zur Krim ausgebaut, damit die jeweiligen Regierungen direkt mit den Kommandanten der Streitkräfte auf dem Schlachtfeld kommunizieren konnten. Auf diesem Wege konnten sich zugleich Gerüchte über russische Massaker verbreiteten. Auch Berichte über eine mangelhafte medizinische Versorgung der Verwundeten gelangten über die Presse an die Öffentlichkeit, was dann in Großbritannien zu Protest-Demonstrationen und zur Gründung von ersten Organisationen der professionellen Kriegsverwundetenpflege führte.
Dieses Beispiel ruft zugleich den umfassenderen Zusammenhang zwischen der Geschichte der Fernkommunikation und der Geschichte der bürgerlichen Öffentlichkeit, der politischen Partizipation und sozialer Massenbewegungen ins Bewusstsein. Mochten die gestiegenen Übertragungsmöglichkeiten, die die elektrische Telegraphie mit sich brachte, zunächst vor allem wirtschaftliche sowie, in deutlich geringerem Umfang, auch staatlich-politische und militärische Nutzung erfahren haben, so wiesen sie doch grundsätzlich darüber hinaus: Das neue Kommunikationsmedium war vor allem auch eines der sich herausbildenden und wandelnden öffentlichen Sphäre von Gesellschaften.
Immer wieder war der Ausbau von transnationalen oder -kontinentalen Fernkommunikationsverbindungen von der Hoffnung begleitet, dass die verbesserten Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten nicht allein wirtschaftlichen Interessen dienen, sondern auch das friedliche Zusammenleben der Staaten und insgesamt das Wohl der Menschheit fördern würden. So feierte man beispielsweise die Inbetriebnahme des transatlantischen Telegraphenkabels als wichtigen Schritt zur Überwindung der britisch-amerikanischen Feindschaft und zur Wiederherstellung einer "special relationship" im Sinne freundschaftlicher politischer Beziehungen. Die mit der Telekommunikation verbundenen humanen Hoffnungen mussten jedoch schon deshalb oft genug enttäuscht werden, weil man die neuen Kommunikationstechnologien immer wieder intensiv auch dafür nutzte, mit propagandistischen Methoden "Massen" zu mobilisieren, wenn es etwa um einen Krieg ging, der im Namen der Nation oder gar der "Rasse" geführt werden sollte.
Die totale Erreichbarkeit der "Massengesellschaft" mit Hilfe der neuen telekommunikativen Möglichkeiten (Telegraphie, verbesserte Druck- und Kopiermöglichkeiten der Tageszeitungen und Magazine, Telephon und Radio, später Fernsehen und Internet) wurde zu einem Schlüsselmerkmal der Moderne. Massenbewegungen, Massenveranstaltungen, Massenpropaganda, aber auch Massensterben, Massenmord, Genozid" gemessen an der Häufigkeit ihres Auftretens und der Anzahl der beteiligten Akteure wie auch der Opfer" sind dies historisch neuartige Phänomene, die seit dem 19. Jahrhundert global auftreten und zugleich untrennbar auch mit der Geschichte der Fern- bzw. Telekommunikation verbunden sind.