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Die ländlichen Zünfte im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel der Vormoderne: das Beispiel Ostschwaben


Projektstart: 01.01.2003
Projektträger:
Projektverantwortung vor Ort: R. Kießling

Zusammenfassung

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Beschreibung

Forschungsprojekt „Die ländlichen Zünfte im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel der Vormoderne: das Beispiel Ostschwaben“

Vorrangiges Ziel des von der Universität Augsburg geförderten Forschungsprojektes (Leitung: Anke Sczesny und Rolf Kießling; Projektmitarbeiter: Johannes Mordstein) ist es, am Beispiel Ostschwabens die Relevanz ländlicher Zünfte für die wirtschaftliche Entwicklung, den gesellschaftlichen Wandel und die Urbanisierung eines Raumes in der Vormoderne zu verifizieren. Damit leistet die Fragestellung einen wichtigen Beitrag zu einigen derzeit intensiv geführten Forschungsdiskussionen auf nationaler und internationaler Ebene (Protoindustrialisierungsdebatte; Neubewertung  der definitorische Schwelle zwischen Stadt, Markt und Dorf in der aktuellen Städteforschung; soziale und mentale Situation von Handwerkern auf dem „flachen Land“), in deren Argumentationen ländliche Gewerbetreibende und deren zünftische Organisation zwar eine wichtige Rolle spielen, ohne daß bislang lokale und regionale Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt worden wären.

Das bisher ermittelte Quellenmaterial wurde in einem „Archivführer“ zusammengefaßt, der derzeit ca. 4.000 Betreffe aus 123 ostschwäbischen Territorien enthält. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei die Zunftordnungen, durch deren systematische Erfassung die wichtigsten Strukturmerkmalen der ländlichen Zünfte (chronologische, territoriale und gewerbliche Entwicklung, Differenzierung und Organisation) analysiert werden können. Die unerwartet hohe Anzahl von 507 Zunftordnungen aus dem Zeitraum von 1491 bis 1800 läßt den Schluß zu, daß es sich bei ländlichen Zünften keineswegs um eine Randerscheinung der ökonomischen Entwicklung der Frühen Neuzeit gehandelt haben kann, sondern um ein flächendeckendes Phänomen mit hoher gesamtwirtschaftlicher Relevanz. Ebenso spricht die quantitativ beeindruckende Differenzierung des ländlichen Gewerbes mit insgesamt 93 zünftischen Handwerksberufen für einen nicht zu unterschätzenden wirtschafts-, sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Wandel im Ostschwaben der Vormoderne, der das Gewerbe und die damit verbundenen Lebensformen in vielen Dörfern und Märkten des „flachen Landes“ als gleichwertig oder gar dominierend gegenüber landwirtschaftlichen Erwerbs- und Lebensweisen erscheinen läßt.

In Kombination mit einem programmatischen Aufsatz von Anke Sczesny werden der „Archivführer“ und eine regestenartige Auflistung der Zunftordnungen in dem Anfang 2005 erscheinenden Sammelwerk „Stadt und Land in der Geschichte Ostschwabens“ (hg. von Rolf Kießling) veröffentlicht. Die mit diesen ersten Zwischenergebnissen aufgeworfenen Fragen nach dem chronologischen Verlauf der Zunftgründungen, den verschiedenen Organisationsformen der Landzünfte, der Rolle der Rechtsqualität eines Zunftsitzes für die Urbanität eines Marktortes, dem bislang ungeklärten Verhältnis zwischen den zumindest teilautonomen Rechtsräumen Dorf-/Marktgemeinde und Zunft, den spezifisch gewerblichen Lebensformen auf dem Land sowie eine prosopographische Auswertung von Zunftbüchern zur Ermittlung von Größe, Rekrutierungsgebiet und Arbeitsorganisation ländlicher Zünfte bilden die Leitlinien für die anvisierten weiteren Forschungsarbeiten.

Gefördert durch Typ B-Mittel der Universität Augsburg.