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Informationen


Projektstart: 01.08.2008
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: Prof. Dr. Marita Krauss
Beteiligte Wissenschaftler der Universität Augsburg: Prof. Dr. Sarah Scholl-Schneider

Zusammenfassung

Beschreibung

 

Seit Frühjahr 2008 befassen sich die Projektmitarbeiter mit Fragen des multiethnischen Zusammenlebens in den Böhmischen Ländern bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, mit Vertreibung, Integration und neuen Aufbrüchen im zusammenwachsenden Europa, erfasst und untersucht über Individualgeschichten. Hintergrund ist das von Prof. Dr. Marita Krauss erstellte Konzept für das geplante Sudetendeutsche Museum in München.

Das Oral-History-Projekt macht Lebenswege und Erinnerungskultur auf deutscher und auf tschechischer Seite sichtbar. Für die multiperspektivischen Zugänge werden Berichte von Tschechen und Deutschen, von erster und zweiter Generation mit einbezogen. Die „große“ Geschichte wird so über Einzelgeschichten vermittelt: Diese zeigen Widersprüche, Brüche, Kontinuitäten, Innensichten und subjektive Deutungen und öffnen einen Weg, nationale Verkrustungen zu überwinden. Dazu führten die Projektmitarbeiter Interviews durch, sie digitalisierten und dokumentierten umfänglich private Fotobestände der Zeitzeugen, und zwar in Deutschland wie in der Tschechischen Republik. Das Thema wird in diesem Projekt multiperspektivisch betrachtet. Es ist umfasst inzwischen ca. 100 Interviews. Diese liegen als  als Mp3-Dateien vor, sind vollständig transkribiert und protokolliert.

Ein weiterer Teil des Projektes sind die inzwischen ca. 20 Tschechienrecherchen. Am Beispiel konkreter Orte, ausgehend von den lebensgeschichtlichen Interviews mit sudetendeutschen Vertriebenen in Bayern, wurden in den Jahren 2008 bis 2010 umfängliche Recherchen an den jeweiligen Heimatorten durchgeführt. Unterschiedliche Kriterien führten zu den Nachrecherchen in der Tschechischen Republik: Die Exponiertheit und jahrhundertelange Verwurzelung der Familie vor Ort, die politische Brisanz der Geschichte, die bestehenden Kontakte zu heutigen Bewohnern oder gar Familienmitgliedern in der Tschechischen Republik, die Besonderheiten des Heimatortes (etwa direkte Grenzlage, multiethnischer Ort) und nicht zuletzt die Qualität der Erinnerungen bzw. der erzählten Lebensgeschichte sowie der privaten Fotosammlungen. Neben den transkribierten und ausführlich dokumentierten lebensgeschichtlichen Interviews mit Vertriebenen bieten sich zur Auswertung folgende Bestände: Umfängliche Archivrecherchen aus den Regionalarchiven der Tschechischen Republik, die fokussiert auf die konkreten Familien, ihre Besitztümer sowie die allgemeine Ortsgeschichte durchgeführt wurden; als Ergänzung dazu dienen ebenfalls personen- und ortsbezogene Recherchen aus dem Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth. Zudem die privaten Fotobestände der Vertriebenen – hierzu wurde neben einer Digitalisierung gemeinsam mit den Zeitzeugen selbst auch eine ausführliche Dokumentation erarbeitet. Diese privaten Fotobestände wurden durch eine Fotodokumentation vor Ort ergänzt. Einen wichtigen Teil dabei spielen die Fotopaare, also heute angefertigte Bilder nach Vorlagen der historischen Bilder aus derselben Perspektive. Das Finden dieser Motive gestaltet sich häufig als Spurensuche – vor allem, wenn es sich bei den Motiven um inzwischen nicht mehr vorhandene Grenzen oder Orte handelt. Die Dokumentation solcherart Feldforschungen wurde nicht nur in den Fotografien, sondern auch in ausführlichen Rechercheberichten festgehalten. Ein weiterer großer Teil des Bestands besteht aus zumeist auf Tschechisch geführten Interviews mit Bewohnern der Orte (mit ca. 25 Personen). Finanziert wurde das Projekt zunächst aus den Berufungsmitteln von Prof. Dr. Marita Krauss, dann vom Bayerischen Landtag und vom Bayerischen Sozialministerium.

Die Ergebnisse konnten mehrfach öffentlich vorgestellt werden: Auf den Sudetendeutschen Tagen 2009 und 2010 in Form aufbereiteter Power-Point-CDs, in einer Ausstellung und in Einzelgesprächen, dies unter Einbindung tschechischer zivilgesellschaftlicher Akteure. Im Februar 2009 fand eine Konferenz "Erinnerungskultur und Lebensläufe" in der Schwabenakademie Irsee statt (Tagungsbericht und Pressemitteilung). Der Konferenzband "Erinnerungskultur und Lebensläufe" ist im Druck. Eine umfängliche deutsch-tschechische Veranstaltungsreihe des Lehrstuhls zusammen mit der tschechischen Bürgerinitiative Antikomplex im Mai 2009 im Staatsarchiv Augsburg war der Beginn einer engen Zusammenarbeit. Antikomplex stellte im Rahmen der Veranstaltungsreihe im Augsburger Staatsarchiv die Ausstellung „Das wiederentdeckte Erzgebirge“ vor und auf dem Sudetendeutschen Tag die Ausstellung „Das verschwundene Sudetenland“, die später einige Wochen im Augsburger Staatsarchiv zu sehen war. Die Reihe wurde durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds co-finanziert.

Gemeinsam mit Antikomplex sowie Studierenden der Landesgeschichte entstand 2010 die zweisprachige Publikation Sudetské příběhy/Sudetengeschichten mit informierenden Einführungen für die tschechischen wie für den deutschen Leser und Interviews mit Vertriebenen, Dagebliebenen und Neusiedlern, übersetzt von den Lehrstuhlmitarbeitern. Zum ersten Mal begegnen sich in einem Buch Geschichten von vertriebenen Deutschen und Geschichten der Menschen, die nach dem Krieg diese Gebiete besiedelten. Die beiden Gruppen von Menschen wissen wenig voneinander: Als die einen die Region verlassen mussten, kamen die anderen dorthin. Die einen besitzen lebendige Erinnerungen an Orte und Begebenheiten, die anderen haben in nicht immer einfachen Prozessen dort ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Die Publikation konnte bereits in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen knapp 2000 Mal verkauft werden. Rezensionen und Pressestimmen zum Buch zeigen das große Interesse.

Die Publikation wurde im Dezember 2010 in Berlin im Zeughauskino (Einladende: Deutsches Historisches Museum, Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung; Deutsches Kulturforum östliches Europa, Tschechisches Zentrum), gemeinsam mit drei der Zeitzeugen aus Tschechien und Deutschland und mit einem Vertreter von Antikomplex vorgestellt  (weitere Informationen: Pressemitteilung)