Suche

Raumvariation zwischen Muster und Zufall - Geostatistische Analysen zum Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben

Motivation 

Praktisch alle modernen Wissenschaften suchen nach Mustern im Chaos, nach Regelmäßigkeiten in den Daten, die sie erheben oder erzeugen – das gilt im selben Maße für die Astrophysik, wie es für die Variationslinguistik gilt.

     Diese Arbeit, ein Resultat des DFG-geförderten Projekts „Neue Dialektometrie mit Methoden der stochastischen Bildanalyse“ (in Zusammenarbeit des Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft der Universität Augsburg und des Instituts für Stochastik der Universität Ulm), bildet keine Ausnahme. Sie thematisiert dies im Rahmen eines variationslinguistischen Grundproblems, der Konstruktion von ganzen Varietäten bzw. Dialekten, im Spannungsfeld zweier scheinbar unvereinbarer Blickwinkel: Wer sich mit Variation beschäftigt, beschäftigt sich – solange er auf empirisch abgesichertem Terrain bleiben will – mit einer Vielzahl an Einzelphäno­menen, die sich idiosynkratisch, bisweilen chaotisch und damit in größerer Anzahl unüberschaubar zeigen. Demgegenüber ist der Blick auf Variation per se im Regel­fall globaler Natur und will bzw. darf sich nicht auf Einzelphänomene einschränken; das Interesse gilt hoch- und höchstrangigen Ordnungen, wobei notwendigerweise hohe Grade an Abstraktion über die eigentlichen Daten gebildet werden müssen. Für sich genommen kann keiner dieser beiden Blickwinkel ein befriedigendes Gesamt­bild von sprachlicher Variation zeichnen. Der Kompromiss beider Herangehens­weisen, der in dieser Arbeit angestrebt wird, ist durch einen wahrscheinlichkeits­basierten Zugang möglich, der weiterhin das Gesamtbild der Varietät(en) im Blick hat, dabei aber ihre jeweilige interne Variabilität transparent hält, indem er in jedem Analyseschritt die Ausprägungen der einzelnen Sprachphänomene klar registrieren und benennen kann.

Kapitelübersicht

Der Theorieteil bietet einen Forschungsüberblick über relevante Sprachvariations- und Sprachwandelmodelle nebst den jeweils damit verbundenen technischen Aspek­ten. Der Schwerpunkt liegt darauf, die Komplexität und innere Variabilität des Gegenstandes zu verdeutlichen sowie bestehende Ansätze zur Beschreibung und Er­klärung seiner vielfältigen Gestalt zu präsentieren. Dabei ist es das Ziel, darzulegen, was eine geostatistische Herangehensweise dazu beitragen kann, bestehende Lücken in Theorie und Praxis zu schließen.

     Im methodenorientierten Teil werden Prinzipien und Verfahren der stochastischen Bildanalyse vorgestellt, die als Grundlage für die später angewandten Techniken die­nen und es erlauben sollen, Variationsmuster zu quantifizieren und miteinander zu vergleichen. Zunächst beinhaltet dies die Umlegung der für variationslinguistische Unternehmungen wie etwa Sprachatlanten punktuell erhobenen Informationen in eine wahrscheinlichkeitsbasierte, flächige Interpretation. Das wird durch Schätzung der Auftretenswahrscheinlichkeit jeder Variante an jedem Ort erzielt. Mittels exemplarischer Anwendung auf das Material des SBS (Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben) zeigt das Kapitel weiterhin, wie aus diesen Flächenkarten individuelle Werte ausgelesen werden können, die es ermöglichen, Karten in objektiverer Art und Weise miteinander zu vergleichen, als es der rein optische Eindruck leisten kann. Diese Werte bilden dann die Basis für weiter­führende Analysen: So wird anschließend gezeigt, wie mit automatisierten Verfahren Gruppen von Sprachkarten gebildet werden, die eine ähnliche Raumstruktur aufwei­sen, und latente gemeinsame Strukturen, sogenannte Faktoren, aus großen Mengen an Karten ermittelt werden können.

     Im anwendungsorientierten Teil der Arbeit werden zunächst jeweils einzeln Wortschatz, Lautung und Formen des Bayerisch-Schwäbischen Raums mittels der im Vorfeld erarbeiteten Techniken analysiert. Im Anschluss wird das Gesamtvarietätengefüge, also Zusammen­hänge und Unterschiede zwischen den einzelnen sprachlichen Systemteilen (Wort­schatz, Lautung, Formen), untersucht. Somit können Aussagen über die Gesamtgestalt einer Varietät getroffen bzw. die Einflüsse einzelner Teilmengen auf die Gesamtvariation ermittelt werden. Die Ergeb­nisse bestätigen die Vermutung, dass das klassische Konzept der „Dialekteinteilung“ selbst problematisch ist: Gestalt und Ertrag einer Einteilung unterscheiden sich zwischen den sprachlichen Teilsystemen (Wortschatz, Lautung, Wortbildung, Syntax) teils deutlich.

     Vom Deskriptiven über das Inferierende hin zur Qualitätssicherung und Kritik fortschreitend werden zu guter Letzt die Ergebnisse des Anwendungs­teils für den Bayerisch-Schwäbischen Raum gebün­delt darge­stellt sowie Konse­quenzen für die Theoriebildung im Bereich Variation und Wandel gezogen. Zum Abschluss stehen Ansätze zu einer variations­linguistischen Fehlertheorie im Mittelpunkt: Einerseits kann die Intensitätsschätzung als ein Mittel zur Qualitäts­sicherung des Datensatzes interpretiert werden. Zusätzlich können einzelne Faktoren auch aus der Gesamt­variation entfernt werden – dies gilt sowohl für „echte“ Faktoren als auch für Stör­faktoren, die während der Erhebung oder Bearbeitung der Daten entstehen. 
Resultate
In Bezug auf Sprache als System wird offenbar, dass sich die hartnäckige Überzeugung, dass die Lexik ein Konglomerat idiosynkratischer Verteilungen sei, höchstens tendenziell bekräftigen lässt – zwar ist die Systematizität des Lautsystems und der Morphologie insgesamt höher (und ihre Raumbilder paralleler), aber auch im Wortschatz existieren Muster, so wie in Lautung und Formen Entropie herrschen kann. Differenziertere bzw. differenzierendere Methoden wie die Übertragung von Konzepten der Unschärfe auf Zusammenhänge innerhalb und zwischen Varietäten, sowie nicht zuletzt die unterschwelligen Strukturen, die durch Faktorenanalysen aus scheinbar homogenen Daten gewonnen werden, führten vor Augen, wie fragil und komplex in der geografischen Sprachvariation das Zusammenwirken von Regularität und Irregularität sein kann.

 

eingereicht: Herbst 2013

Disputation: 17. Januar 2014

Druck als Beiheft zur Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik in Vorbereitung

ausgezeichnet mit dem Förderpreis des Bezirks Schwaben 2014