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Forschungsschwerpunkte


Ethik und Narration, Literatur und Mythos, Intertextualität, Literaturvermittlung, Literatur und Theorie der Gegenwart und Moderne, Literatur und Kunst, Gattungsgeschichte der Novelle und der Reportage, Literatur und Wissen (hier insbesondere Literatur und Astronomie/Astrologie).

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Aktuelles Forschungsprojekt:

Der Himmel als transkultureller ethischer Raum – Himmelskonstellationen im Spannungsfeld von Literatur und Wissen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Bernd Oberdorfer (Ev. Theologie, Universität Augsburg) und Prof. Dr. Harald Lesch (Astrophysik, LMU München)

Das Projekt ist angegliedert an das Jakob-Fugger-Zentrum

Kurzexposé

„Zwei Dinge, die das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen sind, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Nicht erst Kants Ausspruch aus der Kritik der praktischen Vernunft weist den Himmel unmissverständlich als ethischen Raum aus. Durch seine Betrachtung werden fundamentale Fragen nach dem Wert des menschlichen Lebens, der Stellung des Menschen im Kosmos und der Unterscheidbarkeit von Gut und Böse aufgeworfen. In religiösen Texten ist er der Ort, von dem her Gott sich den Menschen offenbart, und markiert die ‚jenseitige‘ Bestimmung menschlicher Existenz. Ausgangspunkt für diese Zuschreibungen ist vor allem die sinnliche Wahrnehmung des Himmels bei gleichzeitigem Wissen, dass diese Wahrnehmung stets begrenzt bleiben muss, da sich der Himmel aufgrund seiner ungeheuren Ausdehnung selbst im Zeitalter der modernen Raumfahrt einer restlosen Erkundung verweigert. So fungiert der Himmel einerseits als Schutzraum, als Zelt, und gleichzeitig löst seine nicht zu begrenzende Größe auch ein Gefühl der Verlorenheit aus. Dieses seltsame Changieren zwischen Begrenzung und Entgrenzung gibt seit der Antike Anlass zu zahlreichen Himmelsdeutungen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Sterne, denn nicht erst Wallensteins Satz „Die Sterne lügen nicht“ führt sie als wichtiges ethisches Bezugssystem ein. Bereits seit der Antike haben sich die Menschen in ihrem Bedürfnis nach Wahrheit, Wertorientierung und Sinnvergewisserung an den Sternen orientiert und so war der Blick in den Himmel integraler Bestandteil der menschlichen Lebenswelt.

In diesem Zusammenhang scheint eine Erweiterung des aus der Ethnologie stammenden Begriffs der Transkulturalität sinnvoll zu sein, da sich der Himmel als Ort der Grenzüberschreitung nicht nur der nationalen Grenzen, sondern vor allem auch der Grenze zwischen Mensch und Gott, Diesseits und Jenseits, oder auch zwischen Gut und Böse erweist. Er stellt einen sog. dritten Raum bereit, der jenseits von festen Orts-, Zeit- und Identitätszuschreibungen eine Begegnung zwischen unterschiedlichen Sphären möglich macht. In diesem transkulturellen Raum wird das Verhältnis von Individuum und Kosmos neu ausgehandelt und werden neue Identitätskonzepte entworfen, die mit den kulturell eingespielten Kategorien nicht zu fassen sind, weil sie die Subjektkonstitution als offenen Prozess jenseits einer Ausschließung des Fremden und Superiorisierung des Eigenen verstehen. Diese Konzepte zu untersuchen, sie in ihrem historischen Wandel zu reflektieren und nach deren ethischen Implikationen zu fragen, wird ein wesentliches Ziel des Projekts sein.

Interessanterweise erweisen sich die Texte, die sich mit dem Himmelsraum auseinandersetzen, selbst als transkulturelle Erzählräume. Bereits frühe wissenschaftliche ebenso wie religiöse Texte entfalten eine enorme literarisch-rhetorische Kraft, die sich bis heute fortsetzt. Insbesondere die Beschreibung von (Himmels-)Phänomenen, die sich der wissenschaftlichen Fassbarkeit unmittelbar entziehen, macht den Einsatz literarischer Mittel offenbar unverzichtbar. Im Gegenzug ist zu beobachten, dass sich literarische Texte häufig den Naturwissenschaften, hier insbesondere der Astrophysik annähern und dies nicht nur aufgrund von Authentifizierungsstrategien, sondern auch, weil sie diese als ästhetisches Bezugssystem aufrufen. So widmet sich etwa Hugo v. Hofmannsthal in seinem Gespräch über Gedichte der Denkfigur des ‚Schwarzen Lochs’ und integriert, ähnlich wie Walter Benjamin in seiner Lehre vom Ähnlichen, Denkmuster der Renaissance-Astrologie in seine Poetologie. Zu überprüfen wäre, ob es sich bei diesen transkulturellen Erzählweisen um spezifisch ethische Narrative handelt, denn die Texte sind in ihrer grenzüberschreitenden Eigenschaft immer wieder mit der Schwelle zwischen Sagbarem und Unsagbarem konfrontiert und loten vor allem die Bedingtheiten des sprechenden und wahrnehmenden Subjekts aus, welches sich in der Welt zu verankern sucht.

Um der Vielfalt der genannten Phänomene gerecht werden zu können, wählt das Projekt drei unterschiedliche Heransgehensweisen: Einen anthropologischen, einen ästhetischen und einen wissenschaftsgeschichtlichen Zugang. Selbstverständlich sind Überschneidungen unumgänglich und auch erwünscht. Ein wichtiges Anliegen des Projekts wird es sein, die Formen und Funktionen zu untersuchen, die der gestirnte Himmel bei der Wert- und Orientierungssuche des abendländischen Menschen übernimmt. So stellt der ethische Zugang zum Himmel zentrale Fragehorizonte bereit, die disziplinübergreifend diskutiert und in den Kontext der einzelnen Forschungsfelder eingebettet werden sollen.

 

Im Rahmen des Projekts findet vom 30. Oktober bis 02. November 2014 eine interdisziplinäre und internationale Tagung im Haus St. Ulrich in Augsburg statt.