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Exposé


Der Himmel als transkultureller ethischer Raum: Himmelskonstellationen im Spannungsfeld von Literatur und Wissen

„Zwei Dinge, die das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen, sind, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Nicht erst Kants Ausspruch aus der Kritik der praktischen Vernunft weist den Himmel unmissverständlich als ethischen Raum aus. Durch seine Betrachtung werden fundamentale Fragen nach dem Wert des menschlichen Lebens, der Stellung des Menschen im Kosmos und der Unterscheidbarkeit von Gut und Böse aufgeworfen. Ausgangspunkt für diese Zuschreibungen ist vor allem die sinnliche Wahrnehmung des Himmels bei gleichzeitigem Wissen, dass diese Wahrnehmung stets begrenzt bleiben muss, da sich der Himmel aufgrund seiner ungeheuren Ausdehnung selbst im Zeitalter der modernen Raumfahrt einer restlosen Erkundung verweigert. Dieses Changieren zwischen Begrenzung und Entgrenzung gibt seit jeher Anlass zu zahlreichen Himmelsdeutungen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Sterne, denn nicht erst Wallensteins Satz „Die Sterne lügen nicht“ führt sie als wichtiges ethisches Bezugssystem ein. Bereits seit der Antike haben sich die Menschen in ihrem Bedürfnis nach Wahrheit, Wertorientierung und Sinnvergewisserung an den Sternen orientiert und so war der Blick in den Himmel integraler Bestandteil der menschlichen Lebenswelt. Der Himmel scheint demzufolge als ein Raum zu fungieren, über den jenseits von festen Orts-, Zeit- und Identitätszuschreibungen das Verhältnis von Individuum und Kosmos und die damit in Zusammenhang stehenden Grundfragen der menschlichen Existenz sowie deren Wertmodelle ausgehandelt werden. Interessanterweise entfalten wissenschaftliche wie religiöse Texte, die den Himmel als Projektionsraum einsetzen, bereits sehr früh eine enorme literarisch-rhetorische Kraft, die sich bis heute fortsetzt. Insbesondere die Beschreibung von (Himmels-)Phänomenen, die sich der wissenschaftlichen Fassbarkeit unmittelbar entziehen, macht den Einsatz literarischer Mittel offenbar unverzichtbar. Im Gegenzug ist zu beobachten, dass sich literarische Texte häufig den Naturwissenschaften, hier insbesondere der Astrophysik, annähern und dies nicht nur aufgrund von Authentifizierungsstrategien, sondern auch, weil sie diese als ästhetisches Bezugssystem aufrufen. Zu überprüfen wäre, ob es sich bei diesen Erzählweisen um spezifisch ethische Narrative handelt, denn die Texte sind in ihrer grenzüberschreitenden Eigenschaft immer wieder mit der Schwelle zwischen Sagbarem und Unsagbarem konfrontiert und loten vor allem die Bedingtheiten des sprechenden und wahrnehmenden Subjekts aus, welches sich in der Welt zu verankern sucht, indem es nach neuen Wertkonzepten sucht.

Den genannten Fragestellungen soll in einer disziplinübergreifenden Arbeitsweise genähert werden. Ein Dialog zwischen den verschiedenen Geistes- und Kulturwissenschaften sowie den Naturwissenschaften, insbesondere der Astrophysik wird dabei ausdrücklich angestrebt. Zwar hat die Forschung bereits vielfach Wechselwirksamkeiten zwischen Literatur und Wissen untersucht, diese Wechselwirkungen sind aber bislang noch nicht in einem explizit ethischen Zusammenhang diskutiert worden. So stellt der ethische Zugang zum Himmel zentrale Fragehorizonte bereit, die in den Kontext der interdisziplinären Forschungsfelder und kulturellen Horizonte eingebettet werden sollen und von dort aus ihre Synergieeffekte entfalten können. Neben der Entwicklung neuer Schreibmodelle, der Modifizierung des modernen Wissenschaftsethos oder der Erweiterung des Mythosbegriffs sind dies vor allem Fragen nach dem menschlichen Wert und Urteilsvermögen, der Grenze zwischen Mensch und Gott, dem Verhältnis von Determination und Selbstbestimmung oder nach dem Werden und Vergehen des Lebens. Um der Vielfalt der genannten Phänomene gerecht werden zu können, werden drei Zugänge gewählt: ein anthropologisch/theologischer, ein ästhetischer und ein wissenschaftsgeschichtlicher Zugang. Die Befunde, die das Fragepotenzial der Tagung begründen, werden im Folgenden anhand der einzelnen Sektionen vorgestellt. Selbstverständlich sind Überschneidungen unumgänglich und auch erwünscht.

   

Der Anthropologisch/Theologische Zugang

Bereits in den ältesten Kosmogonien wird der Himmel als Sitz des Göttlichen eingeführt und somit zu einem Ort der Wahrheit und der absoluten Erkenntnis. Derartige Vorstellungen haben sich bis in die Gegenwart gehalten. Während in der ägyptischen Mythologie der Himmel selbst als Gottheit verstanden wurde, wird er in der jüdischen und christlichen Tradition zu einem Teil der Schöpfung depotenziert, zugleich aber als der dem menschlichen Zugriff entzogene Ort wahrgenommen, an dem Gott ‚wohnt’ und von wo er sich den Menschen offenbart. Im Neuen Testament wird der ‚geöffnete Himmel‘ zum Synonym für die in Christus vollzogene Selbstvergegenwärtigung Gottes (vgl. Mk 1). Mit diesem Vorstellungskomplex verknüpft ist mithin die teleologische Vorstellung von einer Vollkommenheit und Glückseligkeit, in der sich die menschliche Bestimmung erfüllt, die für den Menschen aber wegen der „gebrechlichen Einrichtung der Welt“ (Kleist) und seiner Verstrickung in die Sünde unverfügbar ist. Eben damit ist auch eine Grenze zwischen dem paradiesischen Himmel und dem harten Erdenleben sowie zur Hölle als Ort der Bestrafung markiert, die zu vielfältiger literarischer Ausgestaltung animierte (z.B. Dante). Von hier aus entfaltet dieser Blick nicht nur sein ethisches, sondern auch sein anthropologisches Potenzial, welches nicht zuletzt in der Zukunftsprognostik liegt. Denn nicht umsonst bemerkt Wallenstein, als sein Schicksal entschieden ist, „Jetzt brauch ich keine Sterne mehr.“ (Schiller, Wallenstein I, 1799). Der Blick in die Sterne fungiert demnach als wichtiges orientierungs- und sinnstiftendes Mittel, welches dem Menschen durch die Bestimmung seiner Geburtskonstellation nicht nur eine Idee von der Leerstelle seines Ursprungs gibt, sondern ihn auch in wichtigen Fragen zu seinem gegenwärtigen Schicksal und zu seiner Zukunft berät. Sowohl die Möglichkeit der Schicksalsdeutung durch eine Lektüre des Himmels als auch die Annahme, dass der Himmel ein Ort Gottes sei, ruft in deren Folge auch die Frage nach der menschlichen Freiheit und Selbstbestimmung auf den Plan. Der Sternenhimmel wird zum Ausgangspunkt von philosophischen Betrachtungen, indem anhand von Himmelskonstellationen über die Stellung des Menschen im Kosmos bzw. über den anthropologischen Wert des Subjekts im Verhältnis zum ihn umgebenden Weltall nachgedacht wird. Gegen das Deutungsverlangen und den Versuch, das eigene Schicksal aus den Sternen ablesen zu können, wurde stets auch die Autonomie des Menschen, seine Fähigkeit, nach dem eigenen Willen zu handeln, verteidigt (vgl. Kepler). Diese Ambivalenz im Umgang mit dem Himmel und der sich daraus ergebende ethische Aushandlungsprozess ist bis in die Gegenwart diskussionsbestimmend, denn gerade in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft steigt auch das Wissen um die fehlende Letztbegründetheit des menschlichen Lebens (Blumenberg). Angesichts dessen wird der Himmel auch heute noch als wichtiges Bezugselement im Blick auf das menschliche Schicksal aufgerufen, wenn auch im Bewusstsein dessen, dass diese Orientierung nicht mehr ungebrochen funktioniert (Lukács).

 

Der ästhetische Zugang

Auch in der Literatur und bildenden Kunst werden anhand des Sternenhimmels zentrale ethische Fragestellungen diskutiert. Insbesondere dort, wo das Verhältnis von Mensch, Gott und Welt einer Umwertung unterzogen wird, werden Sternbilder aufgerufen, um den All-Zusammenhang auszudeuten. Dass diese Deutung letztlich auf die menschliche Lektürefähigkeit zurückgeht, macht nicht nur eine Reflexion über menschliches Erleben und Wahrnehmen notwendig, sondern lässt auch deutlich werden, dass der Himmel zu einer wichtigen Reflexionsfigur über die Möglichkeiten des Lesens und Schreibens überhaupt wird. Seit der Antike gilt der Sternenhimmel daher als Symbol des poetischen Schriftbildes und so werden an dessen Lektüre zentrale Fragen nach der Lesbarkeit und Sagbarkeit insgesamt aufgeworfen, da die Betrachtung der Sterne sich stets an der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen bewegt. Diese Grenze wird in der Literatur sprachlich ausgelotet und im buchstäblichen Sinne als Horizonterweiterung verstanden. Der Raum des Himmels übernimmt in Folge dessen eine zentrale poetologische Funktion. Dies greift vor allem die Literatur der Romantik auf und formuliert von hier ausgehend ihr literarisches Konzept, welches den Gedanken der Universalpoesie insofern weiterdenkt, als das Universum bzw. die Sternbilder als zu lesende Bilder mit in den Deutungsprozess hineingenommen werden. Die Sternbilder fungieren als Chiffre, die in der Literatur zu einer universalen Sprache umgeformt werden. Zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jhs. wird der Zusammenhang von Schriftbild und Sternenbild zu einer unmittelbaren Korrespondenz ausgeweitet. Die Konstellation der Schriftzeichen wird analog zu einem Sternbild gelesen (Mallarmé). Aber auch der Zusammenbruch der kosmischen Ordnung wird anhand des Sternenbildes thematisiert und damit die Verlorenheit des einzelnen Subjekts in der Welt kenntlich gemacht (Celan). So führt die fehlende Verankerung des Menschen in der Natur zur Entstehung eines sog. zweiten oder auch poetischen Himmels (Rilke, Barthes). Zu überprüfen ist, inwiefern diese neuartige Textstruktur, der sog. poetische Himmel, mythische Qualität besitzt. Liest man die literarischen Himmelsbetrachtungen auf ihre mythische Erzählweise hin, erneuert sich ihr Funktionsspektrum. Die mythische Erzählung wäre dann nicht mehr nur auf die Vergangenheit ausgerichtet, um von dort aus unerzählbare Leerstellen aufzudecken und Begründungszusammenhänge für die Gegenwart zu liefern, sondern insbesondere auch auf die Erzählbarkeit der Zukunft.

 

Der wissenschaftsgeschichtliche Zugang

Neben den anthropologischen, theologischen und ästhetischen Aspekten ist der Blick in die Sterne auch wissenschaftsgeschichtlich von Interesse. Bereits seit der Antike verbinden sich mit dem Himmel und seinen Gestirnen die Prozesse des Werdens und Vergehens. Dementsprechend wird schon früh versucht, mithilfe der Lektüre des Himmels Aufschluss über den Ursprung allen Lebens zu erlangen. Insbesondere die Wechselwirksamkeit von Himmel und Erde und der Einfluss des Himmels auf die irdischen Geschehnisse stehen dabei im Fokus. Zu einer grundsätzlichen Neuerung führten die von Kopernikus mit Bezug auf Aristarch formulierten Ideen. Er griff die seit Jahrtausenden angenommene zentrale Stellung der Erde im Universum an und führte stattdessen das heliozentrische Weltbild ein. Die Veröffentlichung des kopernikanischen Systems regte weitere astronomische und mathematische Untersuchungen an und war die Grundlage für wichtige Entdeckungen durch Kepler und Galilei bis hin zur großen Synthese durch den englischen Physiker Isaac Newton. Die Bewegungen am Himmel wurden berechenbar. Vorhersagen über die Planetenbahnen, über die Mond- und Sonnenfinsternisse wurden transparent durch die Anwendung logisch-mathematischer Prinzipien. Die neuen Erkenntnisse hinterfragten nicht nur bisherige wissenschaftliche Annahmen, sondern auch die Stellung des Menschen im Verhältnis zum Kosmos insgesamt und damit auch das Verhältnis von Mensch und Gott, weshalb vor allem die Kirche dagegen vorging. Die ‚Objektivierung’ des Himmels durch die quantitative Astronomie im 16. Jahrhundert stand im krassen Widerspruch zur subjektbezogenen Astrologie, die sich einem geozentrisch-anthropozentrischen Koordinatensystem bedient und für über 3000 Jahre die beherrschende Himmelslehre darstellte. Nicht zuletzt weil die Verbindung von Mensch und Himmel in der Astrologie das zentrale Thema darstellt, musste eine Versachlichung der Himmelsphänomene zwangsläufig zur völligen Trennung der Astronomie von der Astrologie führen. Für die europäische Aufklärung war die Hinwendung zur empirisch überprüfbaren, quantitativen Himmelsbeobachtung und der korrespondierenden Entwicklung mathematisch-physikalischer Theorien ein eminent wichtiger erster Schritt hin zum modernen Bild von der Welt als Ganzes. Inzwischen hat die Wissenschaft auch Milliarden von Lichtjahren entfernte Galaxien entdeckt, hat durch das Weltraumteleskop ‚Swift‘ neue Erkenntnisse bezüglich des Kosmos erworben, aber stets im Wissen darum, dass all diese Errungenschaften immer noch vorläufig sind. Zentraler Motor auch der wissenschaftlichen Forschung scheint dabei stets die Frage nach der Stellung des Menschen im Universum zu sein. So erweisen sich Astrophysiker und Astronomen ebenfalls als Sinnsucher; ein Umstand, der sich im Übrigen auch in der Machart der naturwissenschaftlichen Texte widerspiegelt.

 

Literaturverzeichnis:

Alt, Peter André: Beobachtung dritter Ordnung. Literaturgeschichte als Funktionsgeschichte kulturellen Wissens. In: Walter Erhart (Hg.): Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Erweiterung? Stuttgart 2004. S. 186-209.

Bergengruen, Maximilian/Giuriato, Davide/Zanetti, Sandro (Hg.): Gestirne und Literatur im 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 2006.

Borgards, Roland/Neumeyer, Harald/Pethes, Nicolas/Wübben, Yvonne (Hrsg.): Literatur und Wissen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2013.

Dotzler, Bernhard/Weigel, Siegrid: fülle der combination. Literaturforschung und Wissenschaftsgeschichte. München 2005.

Heydenreich, Aura/Mecke, Klaus (Hg.): Quarks and Letters. Naturwissenschaften in der Literatur und Kultur der Gegenwart. Würzburg 2013.

Klausnitzer, Ralf: Literatur und Wissen. Zugänge – Modelle – Analysen. Berlin/New York 2008.

Köppe, Tilmann (Hg.): Literatur und Wissen. Theoretisch-methodische Zugänge. Berlin/New York 2011.

Der Himmel als transkultureller ethischer Raum: Himmelskonstellationen im Spannungsfeld von Literatur und Wissen