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Wintersemester 2009/2010


Dozent(in): Prof. Dr. Valentin Kockel/Prof. Dr. Marion Lausberg/Prof. Dr. Gregor Weber
Termin: Dienstag (vierzehntägig), 18.15 Uhr
Gebäude/Raum: HS III

Inhalt:

Demokratie und Konflikt. Gewalt, Kritik und Wertediskussion im Athen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr.

Die Zeit der Demokratie in Athen zwischen den Perserkriegen und der makedonischen Dominanz gegen Ende des 4. Jh. v.Chr. (und darüber hinaus) weist ein hohes inneres Konfliktpotential auf, ging es doch jeweils um nichts Geringeres als um die Ausrichtung und damit die Zukunft der Polis. Dass Athen so lange Bestand hatte, die beiden oligarchischen Umstürze sowie die katastrophale Niederlage am Ende des Peloponnesischen Krieges überstand, dürfte nicht zum wenigsten an der Fähigkeit gelegen haben, die damit verbundenen vielfältigen Konflikte letztlich doch zu lösen.

Ein Großteil des Konfliktpotentials verdankt sich zweifelsohne der Einwirkung von außen, denkt man vor allem an die Bedrohungen, auf die man reagieren musste, oder die direkte Kollaboration gesellschaftlicher Gruppen in Athen etwa mit Sparta oder dem persischen Großkönig. Die Grundfrage besteht darin, wie man unterschiedliche Meinungen, Rechtsauffassungen und Interessen ausgefochten und welche Lösungsstrategien man dabei bemüht hat. Über allem steht die historisch gewachsene Praxis, die Mehrheitsentscheidung aller Athener zu akzeptieren, überhaupt alle Athener unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status zu diesen Entscheidungen zuzulassen. Klar ist auch, dass Mittel und Wege gefunden werden mussten, das vorhandene Gewaltpotential einzudämmen: Gerade die Auseinandersetzungen zwischen Elite und Volk in archaischer Zeit, die zu Schuldknechtschaft und Versklavung von Mitbürgern führten, oder die Konflikte innerhalb der Aristokratie, aus denen die Tyrannis hervorging, haben nachdrücklich vor Augen geführt, dass die Polis auch auseinanderbrechen bzw. Teile von ihr wegbrechen konnten, wenn relevante gesellschaftliche Gruppen gegeneinander agitierten. Nähere Betrachtung verdient in diesem Zusammenhang auch die Frage, inwieweit ein für aristokratische Gesellschaften typisches agonales Element in den politischen Binnenraum der athenischen Demokratie geprägt hat, weil man eben doch alles andere als gleich sein wollte.

Evident ist jedenfalls, dass etwa die jeweils verfochtene außenpolitische Strategie innenpolitisch – innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen und zwischen ihnen – sinnvoll verhandelt werden musste. Diese Prozesse sind von entscheidender Bedeutung, war es doch unerlässlich, die jeweiligen Positionen zu begründen, Kritik zu untermauern etc.; dabei blieb es unvermeidlich, dass das Wertesystem der Polis, auf dessen Basis die Entscheidungen getroffen wurden, immer wieder neu auf den Prüfstand kam.

Während in den vergangenen Jahren gerade die Frage nach sowohl privater als auch öffentlicher Gewaltausübung und Gewaltdiskursen in Athen eine große Rolle in der altertumswissenschaftlichen Forschung gespielt hat, besteht bei den verschiedenen Konfliktfeldern und vor allem den skizzierten Prozessen immer noch Forschungsbedarf, wobei Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung auch in diesem Kontext eine wesentliche Rolle spielt. Folgende Fragen bzw. Themenbereiche können dazu beitragen, die genannten Prozesse auf der Ebene der politischen Praxis und der Diskurse näher zu beleuchten:

- Welche Rolle spielten politische Instrumente wie etwa der Ostrakismos oder die graphe paranomon bei Lösung von inneren Konfliktsituationen?

- Welche Formen der Selbstdarstellung und Positionierung benutzen athenische Politiker des 5. und 4. Jh.s bzw. welche Werte erwiesen sich hierbei als wichtig?

- Welche Bedeutung kam der Religion, insbesondere auch religiösen Spezialisten, bei der Bewältigung der Konflikte zu? Kamen hierbei Steuerungsmechanismen zur Anwendung?

- Wie ging man mit interpersoneller Gewalt um? Welche Rolle spielten hierbei die üblichen Abläufe von Gerichtsprozessen?

- Welcher Erfolg war gesetzlichen Regelungen beschieden, z.B. die Amnestie nach dem Peloponnesischen Krieg, die Konfliktpotential entschärfen sollten?

- Welchen Beitrag leistete die Philosophie zur Bewältigung der Konflikte, welchen die dramatischen Gattungen?

- In welcher Weise spiegeln sich Wertediskussion und gesellschaftliche Konflikte in der Bildkunst generell bzw. in einzelnen Gattungen?

- War die athenische Demokratie erfolgreicher als andere Verfassungsformen bei der Bewältigung von Konfliktsituationen bzw. der Auseinandersetzung/der Aufdeckung des Konfliktpotentials?

 

Terminübersicht

27.10.2009:
Prof. Dr. Herbert Heftner (Universität Wien)
Verfassungsinstrumente als Mittel der Konfliktbewältigung und Konfliktverhinderung in der athenischen Demokratie: Stasisgesetz, Ostrakismos und graphe paranomon

10.11.2009:
Prof. Dr. Werner Riess (University of North Carolina at Chapel Hill)
Gewalt und Demokratie. Rituale als Mittel der Gewaltkontrolle

24.11.2009:
Prof. Dr. Kai Trampedach (Universität Heidelberg)
Mantik im Widerstreit. Wie wirken sich Orakel und Götterzeichen auf das Funktionieren der athenischen Demokratie aus?

08.12.2009:
Prof. Dr. Norbert Blößner (Freie Universität Berlin)
Die Kritik an der Demokratie in Buch 8 der platonischen Politeia

12.01.2010:
Prof. Dr. Johannes Engels (Universität zu Köln/Humboldt Universität Berlin)
Selbstdarstellung und öffentliche Positionierung führender athenischer Politiker: Die Beispiele des Perikles und des Lykurg

19.01.2010:
Priv.-Doz. Dr. Ralf Krumeich (Universität Bonn)
Individuum und Polis. Bildnisse athenischer Staatsmänner im 5. und 4. Jh. v. Chr.

26.01.2010:
Prof. Dr. Anja Klöckner (Universität Gießen)
Den Sieg feiern oder den Sieger? Militärische Erfolge und öffentliche Repräsentation im klassischen Athen

09.02.2010:
Priv.-Doz. Dr. Peter Roth (Universität Augsburg)
Rache und ihre mediale Darstellung in der Tragödie. Affirmation oder Kritik einer Verhaltensnorm?

 

Die Vorträge finden an den angegebenen Dienstagsterminen jeweils  ab 18:15 Uhr im Hörsaal III des Hörsaalzentrums der Universität Augsburg, Universitätsstraße 10, statt.

 

Prof. Dr. Valentin Kockel

Prof. Dr. Marion Lausberg

Prof. Dr. Gregor Weber

Mit freundlicher Unterstützung durch die Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg e.V.

 

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