"Ethos des Verstehens? Positionen der Hermeneutik"

Verstanden? – Augsburger Studierende auf der Suche nach dem verlorenen Selbstverständlichen

Die Fähigkeit, zu verstehen, ist eine derart selbstverständliche kommunikative Grundkompetenz, dass die einfache weiterführende Frage, was Verstehen eigentlich bedeutet, entweder überflüssig oder aber in hohem Maße dazu geeignet erscheint, falsche Selbstverständlichkeiten über Bord gehen zu lassen. Was meinen wir, wenn wir sagen, wir verstehen? Was genau verstehen wir eigentlich, wenn wir meinen, verstanden zu haben?

Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigten sich im vergangenen Wintersemester Augsburger Studierende des interuniversitären Elitestudiengangs „Ethik der Textkulturen“ in einem Seminar mit dem Titel „Ethos des Verstehens? Positionen der Hermeneutik“. Das Seminar, das, entsprechend dem Selbstverständnis des Studiengangs, auch Studierenden anderer Fachrichtungen offen stand, war bereits im vergangenen Sommersemester von Prof. Joachim Jacob und einer studentischen Vorbereitungsgruppe aus der „Ethik der Textkulturen“ konzipiert worden. Jedes Mitglied dieses Organisations-Teams übernahm die Verantwortung für zwei Seminarsitzungen. Das beinhaltete einerseits die Suche nach geeigneten Grundlagen-Texten für die Seminardiskussion und andererseits die anspruchsvolle Aufgabe, sich soweit in die verantwortete Thematik einzuarbeiten, dass eine eigenständige Seminarmoderation durchgeführt werden konnte. Den Studierenden der Vorbereitungsgruppe bot sich so die im zeitgenössischen Universitätsbetrieb nicht gerade alltägliche Möglichkeit, unter professoraler Ägide selber Lehrerfahrung zu sammeln und den Kommilitonen dabei zuzusehen, wie deren Lehrversuche über die Bühne gingen.

Nachdem im Sommersemester bereits die Gelegenheit bestanden hatte, Texte Hans-Georg Gadamers und Wilhelm Diltheys zu diskutieren, war es im Wintersemester endlich soweit, in eine differenziertere Diskussion, die von allen Seminarteilnehmer/innen lebhaft und oft kontrovers geführt wurde, über zentrale Positionen der Hermeneutik seit Friedrich Schleiermacher eintreten zu können. Besprochen wurden neben Texten der bereits genannten Autoren Artikel von so unterschiedlichen Denkern wie Sigmund Freud, Max Weber, Martin Heidegger, Niklas Luhmann und Anderen. Zudem gab es Gelegenheit, in zwei eigens eingeschalteten Reflexionssitzungen über nur schwer zu klärende Probleme der Hermeneutik weiterzudiskutieren, nämlich über das Verhältnis von Musik- und Sprach-Verstehen sowie über die aus ethischer Perspektive nicht unproblematische Frage, was es heißt, einen Autor besser zu verstehen, als er sich selber verstanden hat.

Einen Höhepunkt der Veranstaltung bildete gegen Ende des Semesters ein Vortrag von PD Dr. Henning Teschke mit dem Titel „Über die Scham, ein Mensch zu sein – Ethik bei Deleuze“ sowie eine daran anschließende (Seminar)Diskussion. Hier erhielt das Problem, das sich stellt, wenn man einen Autor besser verstehen will, als er sich selber verstanden hat, insofern eine interessante Wendung, als spätestens mit Prof. Jacobs irritierender Frage, wer eigentlich fühlt, wenn jemand fühlt, mit einem Mal nicht mehr als gesichert gelten konnte, wer eigentlich der Autor ist einer Empfindung, da man ja weiterfragen kann, ob derjenige ein Gefühl hat, der es ‚hat’, oder aber derjenige, der drüber spricht – wobei beide Instanzen nicht notwendigerweise in eins fallen müssen.

Die Fähigkeit zu verstehen mag selbstverständlich erscheinen. Die Teilnehmer/innen am Hauptseminar „Ethos des Verstehens? Positionen der Hermeneutik“ hatten ein überaus produktives Semester lang die Gelegenheit, diese Selbstverständlichkeit zu hinterfragen. Die dabei erworbene hermeneutische Kompetenz ist auch eine kritische: Denn wer gelernt hat, die Selbstverständlichkeit des Verstehens zu hinterfragen, der dürfte auch außerhalb des universitären Seminarbetriebs dafür sensibilisiert sein, dass es, wo kommuniziert wird, nicht immer nur auf richtige Antworten ankommt, sondern vor allem auch auf treffende Fragen.

Michael Preis