Polemik im neuen Testament. Texte und Kontexte

Eine interdisziplinäre Tagung in Erlangen, 7./8.11.2008

 

Im Rahmen des Studiengangs »Ethik der Textkulturen« führten Prof. Dr. Oda Wischmeyer und ihre Mitarbeiter Dr. Lorenzo Scornaienchi und Dr. Stefan Scholz ein zweitägiges Kolloquium durch, das sich der Interpretation polemischer Texte und sprachlicher Strategien im Neuen Testament widmete.

Was genau ist Polemik? Wie wird Polemik ethisch bewertet, wo wird sie geduldet und wann von wem erwartet? Welchen Beitrag leistet Polemik zur Abgrenzung nach außen sowie zur Identitätssicherung nach innen? Und wie lassen sich die Zusammenhänge zwischen Polemik und (physischer) Gewalt beschreiben?

Polemik bestimmt die Streitgespräche Jesu mit seinen Gegnern in den Evangelien, darüber hinaus finden polemische Anspielungen auch zwischen neutestamentlichen Gruppen untereinander statt, insbesondere in verdeckten Auseinandersetzungen um das richtige Verständnis des Christusereignisses. Die Machtkämpfe der Alten Kirche setzen die polemische Form der Konfliktbewältigung fort und ordnen nach und nach die Vielfalt theologischer Positionen in das folgenreiche Schema von akzeptierter Rechtgläubigkeit und verstoßener Ketzerei ein.

In Vorträgen aus verschiedenen Disziplinen und in übergreifenden Diskussionen wurden diese Fragestellungen multiperspektivisch beleuchtet und ihre Relevanz für heute bestimmt. Dabei erwies sich der Begriff der Polemik, ein im Gegensatz etwa zur »Rhetorik« erst in der Neuzeit gebräuchliches Kunstwort, als äußerst schillerndes wie bedeutungsoffenes Phänomen. Weiter gefasst kann Polemik ganz allgemein einen Meinungsstreit bezeichnen und meint dann nichts anderes als den wettbewerbsartigen Austausch von Argumenten. Polemik in einem engeren Sinn hingegen zielt strategisch auf die Entehrung und Bloßstellung des Gegners. Wann jedoch ist eine Diskussion noch sachlich, wann schon emotional aggressiv, aber noch im Rahmen allgemein tolerierbarer Kritik legitim, und wann sind die Grenzen der persönlichen Integrität verletzt und überschritten? Sowohl subjektive Wahrnehmungen, d.h. die individuelle Toleranzschwelle, als auch gesellschaftliche Konventionen, d.h. das polemische Ethos des Zeitgeistes, führen hier zu ganz unterschiedlichen Bewertungen. Beißende Spottreden und skandalöse Vorwürfe konnten beispielsweise in den dekadenten Wirren der spätrömischen Republik unter bestimmten Umständen als völlig normal empfunden werden, während vergleichbare Anschuldigungen ein paar Jahrzehnte später oder früher für die Angegriffenen zumindest einen Karriereknick wenn nicht den sozialen oder auch den physischen Tod bedeuten konnten.

Polemik bleibt in seiner Bewertung standortabhängig, erscheint aber zugleich als Form des menschlichen Umgangs miteinander zeitlos. Aussagen im Neuen Testament sowie Texte aus dem historisch vergleichbaren religiösen, philosophischen und politischen Umfeld bieten ein vielfältiges Reservoir an Polemiken, die sich bisweilen nur schwerlich von heutigen personenbezogenen Angriffen im Bereich der Regenbogenpresse oder des Privatfernsehens übertreffen lassen. Nicht zuletzt ein juristischer Beitrag verdeutlichte den aktuellen Zusammenhang von ethischer Einschätzung, gesellschaftlicher Ächtung sowie strafrechtlicher Sanktionierung polemischer Angriffe und schärfte den Blick für die Praxisrelevanz einer kritischen Reflexion polemischer Kommunikation.

 

Stefan Scholz
Elitestudiengang »Ethik der Textkulturen«
Universitäten Augsburg und Erlangen/Nürnberg